Königliche Hoheit, Herr Ministerpräsident, meine Herren,
eine Vorbemerkung: Ich bin in hohem Maße bewegt von diesem Bild und zutiefst dankbar, meine Herren, in diesem Rahmen zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ungewohnt ist für einen Wissenschaftler, der meist in Hörsälen spricht und mit PowerPoint farbige Bilder an die Wand projiziert, die selbsterklärend sind, ohne Zuhilfenahme dieser Technik komplizierte Sachverhalte zu erklären. Sie werden deshalb auf einige visuelle Genüsse heute abend verzichten müssen, aber ich glaube, Sie werden durch die Pracht dieses Raumes reichlich entlohnt.
Ungewohnt ist auch, daß ich Ihre Augen nicht erkennen kann. Es ist für den Redner immer wichtig zu sehen, wie viele der Zuhörer sanft entschlummert sind, um entsprechend abzukürzen. Das wird mir heute Abend nicht möglich sein. Ich bitte Sie deshalb um Nachsicht, wenn ich über Ihren Schlaf hinweg spreche.
Eine kurze Bemerkung zu den Kaisern in diesem Saal. Es ging mir gerade durch den Kopf, Friedrich der II. – der Staufer – war naturwissenschaftlich sehr interessiert und hat zwei Versuche gemacht, die für das, was ich heute Abend vortragen werde, direkt relevant sind. Er hat sich einmal gefragt, wie wichtig soziale Interaktion für die Ausreifung von Hirnfunktionen ist und hat versucht, Kinder ohne sprachliche Kontakte in Isolation aufwachsen zu lassen, um zu sehen, was der Mensch an sich ohne kulturelle Einbettung ist. Das Experiment ist fehlgeschlagen, weil keines dieser Kinder überlebte – woraus man schließen kann, wie enorm wichtig die soziale Interaktion für die Ausreifung normaler psychischer Vorgänge, ja sogar für das Leben selbst ist. Und der zweite Versuch bestand darin, herauszufinden, wie es sich mit dem Verhältnis von Leib und Seele verhält und auch darüber werde ich sprechen. Er hat Versuchspersonen in mit Teer abgedichtete Fässer gesperrt und den Tod abgewartet. Diese Fässer lagen auf einer Waage und die Erwartung war, daß, wenn die Seele entweicht, und es gab konkrete Vorstellungen darüber, wann das nach dem Eintreten des Todes zu geschehen hat, das Ganze etwas leichter werden würde, weil sich die Seele davon macht. Sie werden sehen, daß wir ein bißchen weiter gekommen sind, aber nicht sehr viel weiter.
Um zu erläutern, warum ich zu diesem etwas pessimistischen Schluß komme, möchte ich meinen Ausführungen ein epistemisches Kaveat vorausschicken, eine erkenntnistheoretische Warnung, die Sie sehr ernst nehmen sollten und die Sie in die Lage versetzt, alles das, was ich Ihnen hinfort erzählen werde, in Frage zu stellen. Sie sind frei das zu tun, vor allen Dingen dann, wenn Sie das eine oder andere als narzißtische Verletzung Ihres Selbstbildes verstehen mögen. Die Warnung ist, – und es steht uns Hirnforschern besonders an, darauf zu verweisen – daß alles, was wir wissen, daß alles, was wir wissen können, was wir uns vorstellen können, was wir erdenken können, von den kognitiven Leistungen unseres Gehirns abhängt. Wir können nur erfassen, was unsere Gehirne uns zu erfassen erlauben. Nun wissen wir, daß sich die Verfaßtheit des Gehirns und damit auch die kognitiven Leistungen des Gehirns, einem evolutionären Prozeß verdanken. Einem Prozeß, der daraufhin angelegt war, Organismen herauszubilden, deren vornehmste Pflicht es nicht war, die Welt so zu erkennen, wie sie möglicherweise „an sich“ ist, im Kant’schen Sinne. Es ging darum, in der Welt, die vorgefunden wurde, zu überleben. Dazu bedarf es ganz bestimmter Techniken, sehr idiosynkratischer Techniken, aber mit Sicherheit keines kognitiven Systems, das absolute Wahrheiten ergründen kann. Ich werde Ihnen einige Beispiele dafür geben, wie idiosynkratisch und pragmatisch unser kognitives System vorgeht, um die Welt zu interpretieren. Daraus folgt, daß die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und die Art, wie wir uns die Welt vorstellen können und die Art, wie wir logische Schlüsse ziehen, eine besondere Art ist. Eine, die an diese Welt angepaßt ist. Und zwar nicht an die Welt an sich, sondern an eine Welt, die unsere Dimensionen hat, die mesoskopische Welt. Es ist die Welt im Zentimeter bis Meterbereich, die Welt, in der Lebewesen sich entwickelt haben. In dieser Welt gelten – cum grano salis – die Gesetze der klassischen Physik, weshalb sie zuerst entdeckt und formal beschrieben wurden. In dieser Welt sind die meisten der wichtigen Prozesse lineare Prozesse, also voraussagbare Prozesse, ganz anders als Börsenkurse, denn die kamen später dazu. In dieser Welt haben Objekte eine solide Konsistenz und interagieren nach Kausalgesetzen. Aber dies sind alles Spezialfälle. Wenn Sie daran denken, welche Weltbilder die Quantenphysik entwickelt, dann wird deutlich, daß diese sich dramatisch von der Welt unterscheiden, in der wir uns entwickelt haben, – die für unser Überleben relevant ist. Die Phänomene der Quantenwelt sind für unser Überleben genauso wenig relevant, wie die kosmologische Dimension, weshalb wir für diese Welten keine Sensorium entwickelt haben und auch kein Vorstellungsvermögen. Dies bringt uns ständig in Konflikte, wenn wir mit Hilfe von technischen Systemen, die unsere Sinnessysteme erweitern, und mit Hilfe von Nachdenken – welches seinerseits ein Spezialfall sein kann – Modellvorstellungen entwickeln, die in unserer Intuition nicht nachvollziehbar sind. Sie kennen die Beispiele aus der Quantenwelt – daß Objekte gleichzeitig hier und da sein können, daß Informationen von A nach B gelangen, ohne daß dabei Zeit in Anspruch genommen werden muß. Also nicht nur Nichtlichtgeschwindigkeit, sondern eine unendlich hohe Geschwindigkeit, wenn man überhaupt von Geschwindigkeiten sprechen kann. Sie kennen das Problem, daß man sich nicht vorstellen kann, was vor dem Urknall war, wenn es ihn denn nun gegeben hat, und wir wissen auch nicht, in welche Unendlichkeit hinein sich das Weltall ausdehnen kann. All das sind für uns unbeantwortbare und nicht vorstellbare Rätsel. Das Problem kommt daher, daß unser kognitives System, unser Gehirn sich nicht an diese Welt hat anpassen können. Wir haben kein Vorstellungsvermögen dafür entwickeln können, weil die Prozesse in diesen Welten für unser Überleben völlig irrelevant waren. Wären wir ganz klein und lebten trotzdem, dann wäre uns die Quantenwelt wahrscheinlich vorstellbar und möglicherweise wäre die Logik, die wir entwickelt hätten, eine ganz andere als die, nach der wir derzeit unsere Schlüsse ziehen.
Die Behauptungen der Neurobiologie
Nun, was sind die Behauptungen der Neurobiologie? Sie behauptet zum einen, daß alles Wissen über die Welt in der funktionellen Architektur des Gehirns residiert. Was meinen wir mit funktioneller Architektur? Wir meinen damit die Art und Weise, wie Nervenzellen miteinander verschaltet sind. Ob sie erregend oder hemmend miteinander interagieren und ob die Koppelungen stark oder schwach sind. Mehr Freiheitsgrade gibt es nicht im Gehirn. Die Nervenzellen sind komplexe, aber doch überschaubare, beschreibbare Einheiten und alles das, was Gehirne an besonderem Vermögen zu Tage legen, beruht auf der subtilen Art, wie Nervenzellen miteinander vernetzt sind. Wir behaupten ferner, daß auch die Regeln, nach denen das Wissen verwaltet und angewandt wird, das in dieser funktionellen Architektur niedergelegt ist, ebenfalls in der funktionellen Architektur dieses Systems liegen. Es ist also nicht so wie in Computersystemen. Es gibt kaum eine Analogie, die falscher sein könnte, als die vom „von Neumann Rechner“ mit Hirnen – mit biologischen Gehirnen – zu vergleichen. In diesen Rechnern gibt es ein Rechenwerk, und es gibt einen Speicher, und es gibt Soft- und Hardware Unterscheidungen. All das ist für Gehirne irrelevant. Hier gilt nur die funktionelle Architektur, also die Art und Weise, wie Nervenzellen miteinander verschaltet sind. Darin liegt alles Wissen, und darin liegen alle Programme, und es gibt keine weitere Reduktion.
Dann behaupten die Hirnforscher, daß alle mentalen Phänomene – auch die höchsten – also Phänomene, die wir als geistige, seelische oder psychische ansprechen, auf neuronalen Prozessen beruhen. Also aus diesen folgen und nicht ihnen vorausgehen. Das ist eine ganz wichtige Unterscheidung und deshalb schließt die Neurobiologie – zumindest zur Zeit – philosophische Positionen aus, die einen ontologischen Dualismus annehmen, um das Leib-Seele-Problem zu lösen. Die Neurobiologie kommt nicht zurecht mit dem Konzept, daß es eine von den Hirnprozessen unabhängige geistige Entität geben könnte, die mit den Hirnprozessen auf irgendeine geheimnisvolle Weise wechselwirkt. Die Neurobiologie behauptet vielmehr, daß alles, was uns ausmacht, einschließlich aller psychischer, mentaler – wenn Sie wollen auch moralischer – Qualitäten, die Folge von neuronalen Prozessen ist. Von Prozessen, die, wie wir glauben, den bekannten Naturgesetzen gehorchen. Im Augenblick ist der Stand der Wissenschaft so, daß wir glauben, keine Zusatzannahmen machen zu müssen über das hinaus, was wir über die Verfaßtheit der uns erkennbaren Welt wissen, um neuronale Prozesse vollständig beschreiben zu können. Woher nehmen wir diese Schlußfolgerung oder Überzeugung? Weil wir im Lauf der Evolution kaum Veränderungen in der molekularen Zusammensetzung und Funktionsweisen von Nervenzellen finden. Die Nervenzellen von Schnecken sehen ganz ähnlich aus wie die Nervenzellen unserer Großhirnrinde. Sie bestehen aus den gleichen Molekülen, bedienen sich der gleichen Signalsysteme. Wir haben nur viel mehr davon, weshalb sie auf sehr viel komplexere Art miteinander verschaltet sein können. Es sind keine ersichtlich neuen Prinzipien aufgetaucht auf dieser Ebene, weshalb wir glauben, daß es im Prinzip möglich sein müßte, auch die Funktionsweise sehr komplexer Gehirne mit bekannten Mechanismen zu erklären.
Philosophische Implikationen
Nun, welche Implikationen hat die moderne Hirnforschung für klassische philosophische Fragestellungen? Innerhalb der letzten zwei, drei Dekaden befaßt sich die Hirnforschung immer mehr mit Phänomenen, die traditionsgemäß von den Geistes- und Humanwissenschaften bearbeitet worden sind. Warum? Weil wir auf Grund der Verfügbarkeit nicht invasiver Messtechniken auch Untersuchungen am Menschen durchführen können, Hirnfunktionen in Zusammenhang bringen können mit neuronaler Aktivität und feststellen, welche neuronalen Korrelate bestimmten psychischen Funktionen zuzuordnen sind. Auf diese Weise werden auch jene mentalen Funktionen angehbar, die früher ausschließlich von der Psychologie, und noch früher, ausschließlich von den Humanwissenschaften thematisiert worden sind. Ich sollte vielleicht gleich zu Beginn vorausschicken – und der Rahmen hier, glaube ich, ist der richtige, um auch einmal ein politisches Statement abzugeben, – daß ein großer Teil dessen, wenn nicht fast alles, was ich Ihnen erzählen werde, auf der Basis von Tierexperimenten erarbeitet worden ist und wir auch die Interpretation der Ergebnisse, die auf Untersuchungen am Menschen beruhen, nur leisten können, weil wir das hierzu benötigte Vorwissen aus Tierversuchen gewonnen haben. Sie werden ganz am Ende meines Vortrages sehen, daß wir diese Forschung nicht nur aus privater Forscherneugierde betreiben oder als zerebrale Gymnastik, sondern weil wir wissen, daß die erzielbaren Erkenntnisse früher oder später auch klinisch relevant werden.
Ich werde Ihnen am Beispiel der Schizophrenie zeigen, wie die Zusammenhänge sind. Und vor diesem Hintergrund – und ich glaube, es ist dies der richtige Rahmen bei diesem Bremer Tabak-Collegium – auf die unverantwortliche Polemik hinweisen, die in Bremen geschürt wird. Sie ist außerordentlich gefährlich, weil, wie Sie vielleicht aus der Presse wissen, versucht wird, die Primatenversuche, die in Bremen sehr erfolgreich durchgeführt werden, nach 2008 ganz abzuschaffen. Sollte dies gelingen, wird das bundesweit Signalwirkung haben. Es ist dann damit zu rechnen, daß diese Art von Forschung gänzlich eingestellt werden wird. Unsere jungen Wissenschaftler wandern schon jetzt aus, weil sie keine Perspektiven sehen.
Ich bitte Sie also, wenn Sie der gleichen Überzeugung sind, wie ich, setzen Sie sich dafür ein, daß dieses Malheur nicht geschieht, denn Deutschland hätte damit eine ganz besonders ausgezeichnete Rolle, die weltweit beäugt und schon von anderen mit Genugtuung betrachtet wird. Forschung, die hier unmöglich wird, wird dann mit unseren Besten im Ausland weitergeführt.
Nun, zurück zu den Implikationen der Hirnforschung für philosophische Fragestellungen: Da ist zum einen die Erkenntnistheorie. Eine Wissenschaft wie die Hirnforschung, die sich mit der Erforschung eines Organs befaßt, das die Wahrnehmungen vermittelt, die uns die Welt zu begreifen erlauben, muß Aussagen darüber machen können, wie objektiv unsere Wahrnehmung ist. Sie muß die alte philosophische Frage diskutieren, ob das was wir wahrnehmen, das ist, was tatsächlich draußen in der Welt der Fall ist, oder ob es sich um ein Konstrukt handelt. Sie werden von mir hören, daß ein erstaunlich hohes Maß dessen, was wir objektiv wahrzunehmen glauben, von unseren Gehirnen konstruiert ist und, daß sehr vieles was wir für objektiv halten, Interpretation ist. Dann muß die Hirnforschung sich zum Leib-Seele-Problem äußern. Sie muß Antworten auf die Frage finden, wie es sein kann, daß auf Grund von neuronalen Wechselwirkungen – also Wechselwirkungen zwischen materiellen Elementen, die elektrische und chemische Signale austauschen – Phänomene entstehen, die wir als psychische oder geistige apostrophieren. Wie kann man diesen Phasenübergang verstehen zwischen dem Materiellen und dem Geistigen, wenn wir behaupten, daß das eine aus dem anderen hervorgeht. Dann muß die Neurobiologie Stellung beziehen zu der Frage, wie sich das Ich, das Selbst, konstituiert. Wir wissen, daß das Ich, also jene Entität, die Entscheidungen fällt, Pläne macht, sich seiner selbst bewußt sein kann, sich seiner eigenen Gefühle gewahr werden kann, daß dieses Ich sich im Gehirn konstituiert. Die Frage ist, kann man es verorten? Wie soll man es interpretieren? Und schließlich stellt sich die Frage nach dem freien Willen. Sie haben sicher beobachtet, daß diese Frage in den Medien sehr ausführlich, besorgt und auch polemisch diskutiert worden ist. Nicht ohne Grund, denn wenn zutrifft, daß alles, was wir entscheiden, denken und uns vorstellen können, die Folge neuronaler Prozesse ist, und diese wiederum den Naturgesetzen gehorchen, dann kann der Wille nicht so frei sein, wie wir es empfinden und umgangssprachlich formulieren. Dann kann es nicht sein, daß wir in jedem Moment hätten anders handeln können als wir gehandelt haben. Und nachdem dies wiederum eine Begründung für eine Reihe von juristischen Schlußfolgerungen ist, ist auch diese Frage von hoher sozialer Relevanz.
Lassen Sie mich zunächst etwas bemerken zu den Implikationen der Hirnforschung für die Wahrnehmungstheorie, für die Epistemologie. Die Hirnforscher sind sich weitestgehend einig, daß Wahrnehmen im wesentlichen darauf beruht, daß ein ungeheurer Schatz von Vorwissen über die Verfaßtheit der Welt, Vorwissen, das in der funktionellen Architektur des Gehirns ruht, mit dem wenigen, das über die Sinnessysteme ins Gehirn gelangt, verglichen wird. Erst durch diesen Vergleich werden die Inhalte der Wahrnehmung berechnet. Es handelt sich also nicht um einen Abbildungsprozeß, sondern um einen synthetischen Akt, der sich auf ein ungeheures Maß an Vorwissen stützt. Leider kann ich Ihnen keine Bilder zeigen, die Sie davon überzeugen würden, daß das, was Sie sehen, in hohem Maße konstruiert ist, und nicht naturgegeben. Stellen Sie sich vor, daß die Szene, die Sie hier wahrnehmen, auf Ihrer Netzhaut nichts anderes ist als eine kontinuierliche Verteilung von Helligkeitswerten. Da gibt es keine Grenzen zwischen Objekten, zwischen Personen, sondern es handelt sich um eine kontinuierliche Verteilung von Helligkeitswerten, die wegen des Kerzenlichts nur sehr schwach moduliert ist. Dennoch gelingt es Ihnen mühelos, diese Szene zu segmentieren, einzelne Objekte zu identifizieren, sie als Personen zu identifizieren, sie vom Hintergrund abzutrennen und schließlich sogar herauszufinden, um wen es sich handelt, wenn es jemand ist, den Sie kennen. Es ist dies eine unglaublich schwierige Leistung, die Sie automatisch erbringen, die nicht zu leisten wäre, wenn Sie nicht eine ungeheure Fülle von Vorwissen über Objekte hätten, darüber, was sie auszeichnet, welche Kriterien man anwenden muß, um Objekte als solche zu identifizieren. Es sind dies Kriterien, die auf unsere Lebenswelt angepaßt sind und nicht absolut sein müssen. Man kann sich andere Welten vorstellen, wo Objekte anders definiert sind. Wahrnehmen ist also ein in hohem Maße konstruktivistischer Prozeß, der auf Vorwissen beruht. Und nun stellt sich die Frage, woher das Gehirn das Wissen hat, das es anwendet, um die Welt zu interpretieren, zu ordnen und sie sich so zurecht zu legen, wie sie uns erscheint.
Quellen des Wissens
Ich hatte Ihnen eingangs gesagt, daß alles Wissen in der funktionellen Architektur liegt. Also reduziert sich die Frage nach der Herkunft des Wissens auf die Frage, was denn die Architektur von Gehirnen bestimmt? Zunächst ist dies die Evolution. Unsere Gehirne sind alle relativ ähnlich, weshalb wir uns auch leicht darüber einigen können, was ein Objekt ist, wie eine Kerze aussieht und so weiter. Das liegt daran, daß wir nach den gleichen Kriterien vorgehen, weil wir die gleichen Architekturen haben. Die Evolution kann also als ein kognitiver Prozeß verstanden werden. Es haben sich über Versuch und Irrtum Hirnarchitekturen herausgebildet, die Wissen über die Verfaßtheit von Welt in sich tragen, und es haben sich auch Programme herausgebildet, die an diese vorgefundene Welt angepaßt sind. Dieses Vorwissen, zusammen mit den Programmen, befähigt uns, Interpretationen zu erstellen, die wir für stimmig halten, über die wir uns einigen können, weil unsere Architekturen so ähnlich sind. Die Macht dieses Wissens kann gar nicht groß genug bewertet werden. Es handelt sich dabei um sogenanntes implizites Wissen, denn keiner von uns war dabei, als im Laufe der Evolution dieses Wissen durch Interaktion mit der Umwelt aufgenommen und in den Genen abgespeichert wurde. Jedes Mal, wenn ein neues Individuum auf die Welt kommt, wird dieses Wissen erneut in Hirnarchitektur exprimiert. Wir haben dieses Wissen, wir ahnen nicht, daß wir es haben, und es ist uns deshalb Überzeugungswissen. Wir lassen nicht mit uns darüber diskutieren, was ein Objekt ist. Das Regelwerk ist vorgegeben. Dennoch kann man durch Experimente, die ich Ihnen hätte zeigen können, hätte ich eine Leinwand…, sehr überzeugend beweisen, daß Sie dieses Wissen nutzen, um Wahrnehmungsprobleme zu lösen, ohne sich dessen gewahr zu sein. Das Gehirn rechnet sehr komplizierte Verhältnisse aus, um Ihnen das zu präsentieren, was Sie zum Schluß wahrnehmen und, man kann an einer Fülle von Täuschungen zeigen, daß diese Rekonstruktion auch zu Fehlinterpretationen führen kann. Normalerweise haben diese Berechnungen natürlich wichtige Funktionen, z.B., um Helligkeitswerte konstant zu halten, um Farben konstant zu halten, trotz unterschiedlicher Beleuchtung. All dies ist wichtig, um zu überleben und all dies ist nicht tauglich, um die Welt so zu erfassen, wie sie möglicherweise wirklich ist.
Es gibt eine zweite Wissensquelle, die oft unterschätzt wird. Das menschliche Gehirn entwickelt sich von der Geburt bis etwa zum zwanzigsten Lebensjahr. Es werden zwar keine neuen Nervenzellen geboren, jedenfalls nicht in wesentlichem Umfang – aber sehr viele Nervenzellen beginnen erst nach der Geburt, miteinander Kontakte aufzubauen. Und nun folgt ein wichtiger Prozeß, der uns, wie gesagt, bis zum zwanzigsten Lebensjahr begleitet. Es werden mehr Verbindungen hergestellt, als letztlich gebraucht werden, und es werden in dem Maße, wie neue Verbindungen gebildet werden, bestehende Verbindungen wieder abgebaut und zwar irreversibel. Die Auswahl, welche Verbindungen bleiben und welche gelöst werden, wird durch neuronale Aktivität getroffen. Es folgt dies einer relativ einfachen Selektionsregel, die Angelsachsen sagen „Neurons wire together if they fire together“, also Verbindungen zwischen Nervenzellen, die häufig zeitgleich erregt werden, bleiben erhalten, Verbindungen zwischen Nervenzellen, die asynchron erregt werden, gehen zu Grunde und zwar irreversibel. Dieser Prozeß erfolgt unter der Einflußnahme von Erfahrung, weil jede Interaktion mit der Umwelt die neuronale Aktivität moduliert. Somit werden unsere Hirnarchitekturen durch Erfahrung, durch Interaktion mit Umwelt modifiziert. Das genetisch vorgegebene Repertoire wird spezifiziert und umgebaut, bis dann zum Schluß beim Erwachsenen eine Architektur auskristallisiert, die dann nicht mehr veränderbar ist.
Ein wichtiger Aspekt der erfahrungsabhängigen Entwicklung ist, daß die Prägungsprozesse sich zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Hirnregionen ereignen und sogenannte kritische Phasen durchlaufen. Wenn während dieser kritischen Phasen die Informationen, die erforderlich sind, um die funktionelle Architektur auszubilden und an die Welt anzupassen, nicht verfügbar sind, dann können die entsprechenden Funktionen nicht in Architektur übersetzt werden. Es kommt zu Defiziten und diese werden irreversibel, wenn die Fenster der kritischen Entwicklungsphasen sich schließen. Dann können keine neuen Fortsätze, keine Verbindungen mehr auswachsen, und auch die Vernichtung von überflüssigen oder störenden Verbindungen ist nicht mehr möglich.
Dieses Lernen durch Erfahrung, vor allem während der frühen Entwicklung, führt ebenfalls zur Aufnahme von implizitem Wissen. Vieles von dem, was Sie als Kind gelernt haben, bis etwa zum vierten, fünften Jahr, hat die funktionelle Architektur des Gehirns verändert. Sie wissen aber nicht, daß Sie das gelernt haben, weil Sie in dieser Zeit noch kein sogenanntes episodisches Gedächtnis ausgebildet haben. Kinder lernen, aber sie können den Kontext nicht erinnern, in dem sie gelernt haben. Auf diese Weise wird das, was sie gelernt haben, implizites Wissen, wird Überzeugungswissen, das nicht relativiert werden kann. Und wir diskutieren zur Zeit sehr aufmerksam, ob nicht ein Problem der interkulturellen Konflikte, die wir im Augenblick haben, auf diese impliziten Prägungen zurückzuführen ist. Daß also auf Grund dieser frühen Prägungen, die unter kulturellem Einfluß erfolgen, implizites Wissen in die Gehirne gerät, welches genauso wie das evolutionär erworbene Wissen festlegt, wie diese Personen, sprich diese Gehirne, die Welt wahrnehmen. Wenn diese Prägungen idiosynkratisch sind, dann ist zu erwarten, daß zwei Individuen, die in unterschiedlichen Kulturkreisen aufgewachsen sind, das Gleiche sehr unterschiedlich wahrnehmen werden. Vor allen Dingen, wenn es sich um komplexere, soziale Bezüge handelt und diese in der Kindheit verschieden waren. Nur läßt sich darüber dann nicht diskutieren, weil keiner den anderen davon überzeugen kann, daß er Recht hat, weil jeder Recht hat – für sich. Wenn man das erkannt hat, dann kann man vielleicht auch daraus politische Schlußfolgerungen ziehen, um Koexistenz zu erleichtern.
Wie sehr sich kulturelle Konzepte unterscheiden können, habe ich vor kurzem erlebt. Ich war in Indien und Dharamsala, um mit dem Dhalai Lama und seinen Mönchen zu diskutieren über die Frage des verantwortlichen Ich. Es stellte sich heraus, daß die Definition des Ich, und die Selbsterfahrung als autonomer Agent, in diesem Kulturkreis anders ist als bei uns, die wir das Individuum in seiner unbeschränkten Autonomie für alles verantwortlich zu machen neigen. Probleme, die uns das bereitet, etwa bei der Diskussion um Willensfreiheit, sind dort überhaupt nicht nachvollziehbar. Das Problem existiert nicht, und wir hatten kaum die Möglichkeit, uns darüber zu verständigen, daß wir da ein Problem haben. Das als Beispiel.
Und dann gibt es natürlich noch eine dritte wichtige Wissensquelle – und das ist der normale Lernprozeß. Er beruht darauf, daß die bereits bestehenden Verbindungen, die nach Ablauf der Entwicklungsphasen nicht mehr in großem Maße modifizierbar sind, in ihrer Wertigkeit verändert werden können, verstärkt oder abgeschwächt .
Über die konservative Natur der Evolution habe ich schon gesprochen. Vielleicht noch eine Randbemerkung dazu. Unsere sehr weit zurückliegenden Vorfahren, in dem Fall spreche ich von einer Meeresschnecke, die ich Ihnen gerne gezeigt hätte, haben bereits viel über die Welt gelernt, z.B. über die Bedeutung von Kontingenzen, über Kausalbeziehungen also. Sie haben erfahren, daß zwei Ereignisse, die gleichzeitig passieren, mit großer Wahrscheinlichkeit zusammengehören oder, wenn Ereignis A kurz vor Ereignis B erfolgt, daß A wahrscheinlich die Ursache von B war. Diese sehr wichtigen Zusammenhänge wurden schon von der Schnecke rezipiert und fanden entsprechend früh ihre molekulare Realisierung. Die Lernmechanismen von Zellen werden von molekularen Prozessen getragen. In sie ist schon eingeschrieben, daß man, wenn etwas fast gleichzeitig passiert, es miteinander in Verbindung bringt. Die Verbindungen zwischen Neuronen, die gleichzeitig aktiv sind, werden verstärkt. Auf diese Weise werden Assoziationen gelernt und z.B. bedingte Reflexe installiert. Die gleichen molekularen Mechanismen, die schon die Schnecke hat, in denen Wissen über die Welt niedergelegt ist, finden sich in der Großhirnrinde des Menschen wieder und in allen anderen Hirnstrukturen, die wir zum Lernen brauchen. Also, was die Schnecke darüber gelernt hat, wie man Kontingenzen bewertet, das haben wir auch noch molekular implementiert, und deshalb ziehen wir die gleichen Schlußfolgerungen. Offenbar sind sie sinnvoll und haben sich bewährt.
Der kleine Unterschied
Es gibt einen zweiten Aspekt, der mit der konservativen Natur der Evolution zu tun hat und den ich besonders faszinierend finde. Seit der Entwicklung der Großhirnrinde – also jenes Mantels von Zellen, der die beiden Gehirnhälften überwölbt, eine 2 mm dicke Gewebsschicht, die in einem Kubikmillimeter etwa 60.000 Zellen beherbergt, von denen jede einzelne mit 10.000 – 20.000 anderen Kontakt hat – gab es keine neuen Strukturen mehr. Diese Struktur hat sich bei niedrigen Werteapparaten zum ersten Mal herausgebildet und dann einen unglaublichen Siegeszug angetreten. In der Folge gibt es nur mehr vom Gleichen, und zwar insbesondere mehr Großhirnrinde plus der Servicestrukturen, die sie benötigt, um richtig arbeiten zu können. Das heißt also, daß alles das, was uns als kulturfähige Wesen von unseren nächsten nicht kulturschaffenden Nachbarn unterscheidet, auf der quantitativen Vermehrung von Großhirnrinde beruhen muß, weil nichts anderes hinzugekommen ist. Ein typischer Fall für einen Phasenübergang in einem komplexen System. Durch Erhöhung der Komplexität entstehen plötzlich neue Qualitäten.
Lassen Sie mich kurz skizzieren, was uns im wesentlichen von unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, unterscheidet. Durch das Hinzukommen bestimmter Großhirnarealen ist es dem Menschen möglich geworden, Fähigkeiten zu entwickeln, die unsere nächsten Nachbarn noch nicht haben. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten beruht im wesentlichen darauf, daß Ergebnisse von Rechenoperationen, die in phylogenetisch alten Großhirnrindenbereichen erarbeitet werden, von den hinzugekommenen Bereichen erneut den gleichen Operationen unterzogen werden. Das heißt, erzielte Ergebnisse können wiederholt hirnrindenspezifischen Operationen unterzogen werden und diese Schlaufen werden mehrfach durchlaufen. Auf diese Weise sind offenbar Funktionen realisierbar geworden, die nicht menschlichen Primaten fehlen. Wir können z.B. eine Theorie des Geistes aufbauen. Wir können uns vorstellen, was im Kopf des anderen vorgeht, wenn dieser sich in einer ganz bestimmten Situation befindet. Beispiel: Ich verstecke vor Ihren Augen den Löffel der Zeremonie unter dem Rednerpult. Nun bitten wir einen von Ihnen, den Raum zu verlassen und während er draußen ist, nehme ich den Löffel und stecke ihn mir wieder in die Tasche und frage Sie dann, wo würde er suchen, wenn er wieder hereinkommt. Schimpansen, Menschen mit Autismus und Kinder bis zum vierten oder fünften Lebensjahr würden sagen, in der Tasche, weil sie dort den Löffel haben verschwinden sehen. Sie können keine Theorie des Geistes aufbauen und sich deshalb nicht vorstellen, daß der Mensch draußen nicht gesehen hat, daß ich den Löffel in die Tasche gesteckt habe, sondern nur weiß, daß er unter dem Pult war. Wenn man aber eine Theorie des Geistes aufbauen kann, dann würde man sagen, er würde natürlich unter dem Pult suchen, dort, wo er sah, daß der Löffel versteckt wurde.
Wir können also eine Theorie des Geistes aufbauen und diese Fähigkeit beruht mit Sicherheit auf der Zunahme von Großhirnrinde und iterativen Verarbeitungsprozessen. Dann vermögen wir intentional zu erziehen, was Tiere nicht können. Wir können unseren Nachkommen gezielt etwas durch Instruktion beibringen. Tiere können das nicht. Sie machen nach, was die Älteren tun, aber die Älteren kommen nicht auf die Idee, die Hand der Kleinen zu führen.
Wir haben ferner die Fähigkeit, sehr abstrakte Bezüge herzustellen zwischen Symbolen und auf diese Weise Sprache zu entwickeln. Dies hat natürlich weitreichende Konsequenzen, weil man zu Lebzeiten gewonnene Erfahrungen auf abstrakte Weise formulieren, anderen mitteilen und an die nachfolgende Generation weitergeben kann. Und dann gibt es zur Zeit noch eine Diskussion darüber, ob wir im Gegensatz zu unseren nächsten Nachbarn altruistischer sind und ein besonders ausgeprägtes Empathievermögen haben.
Idiosynkrasien
Wie erwähnt, legen die durch Evolution, Prägung und Lernen ausgebildeten Architekturen fest, nach welchen sensorischen Kategorien wir die Welt erfassen. Und wir tun dies auf sehr willkürliche Art. Wir nehmen elektromagnetische Wellen von 400 bis 700 Nanometer Wellenlänge als Licht wahr, weil unsere Fotorezeptoren darauf spezialisiert sind. Wellenlängen über 750 Nanometer können wir nicht mehr sehen, aber wir empfinden sie als Wärme, weil wir dafür Wärmerezeptoren in der Haut haben. Das gleiche gilt für Vibrationen: Unter 15 Hertz ist das taktile System zuständig. Wir empfinden Vibrationen und Erschütterungen. Über 15 Hertz schalten sich die Ohren ein, und wir hören Töne. Wir unterteilen also ganz willkürlich physikalische Kontinua so, wie es uns zum Überleben dienlich war. Das ist mit einer objektiven Darstellung der Welt natürlich nicht vereinbar. Ich hatte über die relative Willkür der Objektdefinition gesprochen. In der Quantenwelt wäre diese Definition sinnlos. Sie gilt nur für die mesoskopische Welt. Ich hatte auch über die spezielle Art von Lernregeln gesprochen. Besonders nachdenklich sollte stimmen, daß es auch sein kann, daß die Regeln des logischen Schließens, die wir für absolute halten, möglicherweise auch angepaßte Regeln sind und es vorstellbar ist, daß es auch andere Arten, logische Schlüsse zu ziehen, geben kann. Tatsächlich gibt es Hinweise dafür, daß bestimmte Prozesse in unserem Gehirn, und zwar die unbewußten, bei der Abwägung der Güter und bei dem Finden von Entscheidungen nach anderen Regeln operieren, als die bewußten rationalen Entscheidungsstrategien. Gelegentlich führt das zu Konflikten, wie Sie alle wissen. Man sagt dann, ich habe mich nach rationalen Gesichtspunkten entschieden, aber irgend etwas stimmt da nicht.
Die schwierigsten Fragen: Das Leib-Seele-Problem
Wenden wir uns nun dem schwierigsten aller Probleme zu: dem Leib-Seele-Problem. Ich will gleich vorausschicken, daß wir keine wirklich befriedigende Antwort auf die Frage haben, wieso uns aus der Ersten-Person-Perspektive die Ergebnisse von Rechenprozessen, die im Gehirn ablaufen als Gefühle, als Qualia erscheinen, die wir nicht objektiv fassen können. Wir bezeichnen die zugrundeliegende Fähigkeit als phänomenales Bewußtsein, als die Fähigkeit, sich dessen gewahr sein zu können, was im eigenen Gehirn abläuft. Es scheint, als würde diese Fähigkeit dadurch in die Welt gekommen sein, daß auf Grund der Vermehrung von Großhirnrindenarealen, und der iterativen Bearbeitung von Inhalten, Meta-Repräsentationen gebildet werden. Also, Repräsentationen von Repräsentationen. Hirninterne Prozesse würden dann nach den gleichen Prinzipien repräsentiert wie Umweltvorgänge in den sensorischen Zentren. Über diese Wiederholung kognitiver Operationen würden die entwickelten Gehirne in die Lage versetzt, über die Abläufe in ihrem Innern Protokoll zu führen und sich dieser gewahr zu werden. Hirninterne Prozesse werden also selbst zum Gegenstand von kognitiven Operationen. Es bleibt dies eine sehr unbefriedigende Erklärung, denn wir haben es mit einem der schwierigsten philosophischen Probleme zu tun. Es ist dies auch eines der größten Hindernisse bei dem Versuch, Brücken zu schlagen zwischen den Welten, die von Geistes- und Humanwissenschaftlern beschrieben werden und den Welten, die Naturwissenschaftler erforschen. Beide Beschreibungssysteme thematisieren Realitäten. Es steht außer Frage, daß diese mentalen Phänomene real sind, daß sie unsere Welt bestimmen. Der Glaube an spirituelle Mächte hat uns dazu gebracht, Kathedralen zu bauen. Auch unsere Moral- und Wertsysteme bestimmen unser Verhalten nachhaltig. Diese sozialen Realitäten müssen als Realitäten gesehen werden, auch wenn sie immateriellen Charakter haben. Vermutlich liegt das Problem darin, daß diese sozialen Realitäten, diese nicht faßbaren immateriellen im Dazwischen liegenden Realitäten, erst entstanden sind, als Gehirne mit den eben besprochenen kognitiven Leistungen den Dialog aufgenommen haben, als sie begannen, sich zu sagen: Ich weiß, daß Du weißt, daß ich weiß, was Du fühlst. Auf Grund solcher Dialoge kamen Kommunikationsprozesse in Gang, die nicht nur zur kulturellen Evolution geführt haben, sondern auch zur Emergenz, also zum Entstehen von Realitäten im Dazwischen, Realitäten, die wir thematisieren können, für die wir Worte gefunden haben, weil wir sie als real empfinden und dazu gehört eben auch alles, was wir als das Seelische, das Geistige ansprechen. Es sind dies offenbar Realitäten, die im interpersonellen Diskurs, im Zwischenmenschlichen entstanden sind, die eine gesellschaftliche Interaktion voraussetzen, als real erfahren werden, aber zu ihrer Darstellung anderer Beschreibungen bedürfen als jene, mit denen die Prozesse im Gehirn beschreibbar sind, jene Prozesse, die letztlich diese neuen Realitäten hervorgebracht haben. Es handelt sich also um ein Phänomen, das für komplexe Systeme typisch ist: Es gibt Phasenübergänge, die zu neuen Qualitäten führen. Die ohnehin komplexen Gehirne verkoppeln sich und bringen so noch komplexere, in diesem Fall soziale Systeme hervor, die wiederum neue Phänomene und Qualitäten in die Welt bringen.
Ich erspare Ihnen jetzt die Ausflüge in die Techniken, mit denen wir ergründen, wie Hirnprozesse mit Hirnleistungen korrelieren. Man kann heutzutage am wachen gesunden Probanden oder am Patienten sehr gut nachvollziehen, was sich im Gehirn ereignet, wenn sich jemand etwas vorstellt. Faszinierend ist dabei, daß Vorstellungen fast mit den gleichen Aktivitäten verbunden sind wie die Wahrnehmung selbst. In letzterem Fall werden nur wenige Areale zusätzlich aktiv. Auch läßt sich verfolgen, was im Gehirn passiert, wenn jemand halluziniert. Dann werden just die gleichen Regionen aktiv, als wenn das, was halluziniert wird, tatsächlich vorhanden ist und wahrgenommen wird. Deshalb können die Patienten Vorstellung und Wirklichkeit nicht mehr voneinander unterscheiden. All dies weist darauf hin, daß alle mentalen Prozesse auf Hirnprozessen beruhen und daß wir unsere Wirklichkeiten, materielle wie immaterielle, konstruieren.
Die Konstitution des Ich
Nun, wie verhält es sich mit der Verfaßtheit des Ich? Wie läßt sich das Selbst definieren und neuronal erklären? Es stellt sich unter anderem die Frage, wo die vielen Verarbeitungsergebnisse, die im Gehirn parallel erzielt werden, so zusammengefaßt werden, daß kohärente Interpretationen möglich werden. Um das Problem faßbar zu machen, muß ich vorausschicken, daß Gehirne in hohem Maße distributiv organisiert sind. Wir haben etwa 120 verschiedene Hirnrindenareale und diese arbeiten alle an verschiedenen Aufgaben. Wir haben allein 30 Areale, die sich mit dem Sehprozeß befassen. Die einen interessieren sich für Farben, die anderen für Texturen, die dritten für Bewegung und die vierten für den Ort im Raum eines Gegenstands und so weiter. Das gleiche gilt für die anderen Modalitäten.
Wenn wir uns die Frage nach der Verfaßtheit des Ich aus der Ersten-Person-Perspektive stellen, dann kommen wir zu einem Schluß, der in krassem Widerspruch zu dem steht, was die Hirnforschung zu Tage fördert. Ist es nicht so, und ich glaube, da spreche ich in Ihrer aller Namen, daß unsere Introspektion, aber auch die Beobachtung des jeweiligen Gegenüber uns nahe legt, daß es irgendwo in unserem Gehirn ein Zentrum geben müsse, wo alle Informationen zusammenlaufen und das wäre dann der Ort, wo einheitliche Interpretationen der Welt möglich werden. Das wäre der Ort, wo entschieden wird. Das wäre der Ort, wo geplant wird und das wäre auch der Ort, wo das selbstbestimmte Ich seinen Platz haben muß, das bewertet, koordiniert, initiiert und kreativ ist. Die Hirnforschung entwickelt aber ein völlig anderes Bild von der Verfaßtheit des Organs, in dem das Ich sich konstituiert. Wir sehen eine Fülle von Arealen, die alle unterschiedliche Funktionen erfüllen, dies gleichzeitig tun und eng miteinander vernetzt sind, so ungefähr wie das Internet. Ich hätte Ihnen den Schaltplan zeigen können, er sieht aus wie ein Wollknäuel oder ein komplexes U-Bahnsystem, wo Sie mit zwei-, dreimal Umsteigen überall hinkommen. Aber es gibt nirgendwo ein Zentrum, es gibt nirgendwo eine übergeordnete Konzernzentrale, keinen pyramidalen Aufbau. Wir haben es mit einem parallel strukturierten System zu tun, in dem vieles gleichzeitig passiert und nirgendwo zusammenkommt. Wenn Sie einen bellenden Hund vor sich sehen und sein Fell streicheln, dann sind in Ihrem Gehirn fast alle sensorischen Areale gleichzeitig aktiv. Sie decodieren die Textur des Felles, die Samtheit, Sie decodieren das Gebell, Sie erkennen das Ganze als Hund über das Sehsystem, und dann haben Sie noch Areale des limbischen Systems, die emotionale Koalitionen hinzufügen, die signalisieren, daß der Hund sehr gutmütig ist und man keine Angst vor ihm haben muß etc. Nirgendwo im Gehirn ist ein singulärer Ort, an dem dieses Perzept des bellenden, samtigen, friedfertigen Hundes repräsentiert wäre. Die Repräsentation dieses Wahrnehmungseindrucks ist vielmehr ein sehr, sehr komplexes raumzeitliches Erregungsmuster, das sich zudem auch noch in der Zeit verändert und nicht wirklich verortbar ist. Wenn Sie etwas anderes wahrnehmen, wird es in einem anderen raumzeitlichen Muster ausgedrückt. Diese Organisation stellt ein ganz, ganz großes Koordinierungsproblem dar. Nehmen wir Nervenzellen, die für Schwarz kodieren. Um einen schwarzen Wagen zu kodieren, der gerade vorbeifährt, müssen diese in ein Ensemble von Nervenzellen zusammengebunden werden, deren Aktivierungsmuster diesen Wagen kodiert. Nun wenden Sie Ihren Blick in den Himmel und richten den Blick auf einen schwarzen Raben. Nun müssen die „Schwarzneuronen“ mit ganz anderen Neuronen rekombiniert werden, um den Raben zu kodieren. Es muß also zu jedem Zeitpunkt genau festgelegt sein, welche Neurone miteinander kooperieren, um einen bestimmten Inhalt zu repräsentieren. Die Neuronen müssen mit Ihrer Aktivität ausdrücken: 1. daß das Merkmal, für das sie kodieren, vorhanden ist und 2., mit welchem anderen sie gerade gemeinsame Sache machen. Eine Hypothese, die wir in Frankfurt verfolgen und die auch Andreas Kreiter – der heute abend hier ist, und in Bremen unter seinen Gegnern leidet – sehr intensiv untersucht, geht davon aus, daß die Signatur der Zusammengehörigkeit in der präzisen Synchronisationen der Entladungsmuster liegt. Die neuronalen Antworten oszillieren in unterschiedlichen Frequenzen und diese Oszillationen können zeitlich mit Millisekundenpräzision synchronisiert werden. Die Vermutung ist, daß diese Synchronisation dazu führt, daß andere Strukturen des Gehirns diese Ensembles als jeweils zusammengehörig erkennen. Es handelt sich dabei um sehr komplexe, dynamische Vorgänge, die schwer zu analysieren sind. Die Repräsentationen von Inhalten im Gehirn haben also eine andere Struktur, als wir sie uns vorstellen. Es handelt sich um abstrakte, dynamische, raumzeitliche Muster, an deren Ausbildung sich jeweils eine sehr große Zahl von räumlich verteilten Neuronen beteiligt. Ohne verortbar zu sein, konstituiert sich auch das bewußte Selbst in diesem Netzwerk.
Das Bindungsproblem und klinische Implikationen
Lassen Sie mich abschließend die Frage diskutieren, wozu diese Untersuchungen, die zunächst wie zerebrale Gymnastik anmuten, nutzen können. Hier kommen zwei Hypothesen zusammen, die ich noch schnell mit Ihnen durchgehen will, und dann erlöse ich Sie. Zum einen ist da die Hypothese, daß die Koordination distributiver Prozesse im Gehirn über präzise Synchronisation oszillatorischer Signale erfolgt. Zum anderen liegt die Vermutung nahe, daß das Krankheitsbild der Schizophrenie mit Bindungsproblemen zu tun hat. Schon die klassische Literatur geht von der Hypothese aus, die Schizophrenie sei einer Erkrankung, die es schwierig macht, das Richtige mit dem Richtigen zu verbinden. Das, so die Annahme, sei der Grund für dissoziative Denkstörungen und dies sei auch der Grund für die unlogischen und nicht nachvollziehbaren Assoziationen, die von schizophrenen Patienten gebildet werden. Wenn man also die Hypothese verfolgt, Bindungsprobleme würden durch Synchronisationen von oszillatorischer Aktivität gelöst, dann stellt sich die Frage, ob bei schizophrenen Patienten das Synchronisationsverhalten von Neuronenpopulationen gestört ist, ob sie oszillieren können, wie schnell sie oszillieren können und, ob sie vor allem gut synchronisieren können. Und tatsächlich zeigen jüngste Studien, daß diese Funktionen gestört sind. Schizophrene Patienten sind nicht in der Lage, die hohen Oszillationsfrequenzen zu erzeugen, die Gesunde erreichen können und sie sind vor allem defizitär in ihrem Vermögen, diese Oszillationen über größere Entfernungen hin zu synchronisieren. Nun also kann man damit beginnen, gezielt nach Mechanismen zu suchen, weil man schon sehr viel weiß über die neuronalen Prozesse, die zu Oszillationen führen und zu Synchronisation. Es kann also sein, daß etwas, was zunächst als sehr exotisch anmutet und nur im Kontext von Grundlagenforschung zunächst von Interesse war, auf kurzem Wege nicht nur für diagnostische Zwecke verwendet werden kann, sondern auch zu neuen Therapieverfahren führen wird. Und noch eine Bemerkung zur Schizophrenie. Es ist sehr auffällig, daß diese Erkrankung zum Ende der Hirnreifung auftritt, am Ende der Pubertät, kurz bevor das System auskristallisiert. Wir haben deshalb untersucht, wie sich Oszillations- und Synchronisationsvermögen im Laufe der Entwicklung verändern. Wir untersuchten Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren und erhielten interessante Befunde, die viele Eltern, die pubertierende Kinder gehabt haben, intuitiv sofort einordnen können. Es entwickelt sich – wie man erwarten würde – das Gehirn von 6-jährigen Kindern sehr schnell; die Oszillationsfrequenzen nehmen zu und auch die Phasensynchronisation wird immer besser. Wir hatten eigentlich erwartet, daß sich dieser Prozeß kontinuierlich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Aber nein, mit Beginn der Pubertät bricht vieles vom Erreichten wieder zusammen, das Netzwerk, das sich bereits ausgebildet hat, verändert sich, die Oszillationsfrequenzen sinken ab und die Synchronisation wird schlechter. Zur gleichen Zeit werden auch die kognitiven Leistungen der Kinder schlechter. Eltern und Lehrer wissen das, es wird manchmal schwierig mit den Kindern. Aber dann rekonfiguriert sich das ganze System ab dem 15.-16. Lebensjahr. Die Oszillationsfrequenzen werden sehr hoch und die Synchronisation wird sehr präzise. Offenbar verläuft diese zweite Entwicklungsphase bei Menschen, die schizophren werden, nicht normal ab, und vielleicht ist dies Grund dafür, daß diese Krankheit in dieser späten Phase auftritt.
Mit diesem Ausblick möchte ich Sie jetzt erlösen. Ich hoffe, wir diskutieren jetzt noch und haben ein bißchen Zeit dafür. Darauf freue ich mich am meisten.
Vielen Dank für Ihre Geduld.